Genug gejammert… COVID-19 als Chance

Mit diesem Beitrag könnte ich mich bei manchen Leuten sehr unbeliebt machen. Deshalb möchte ich eines vorwegstellen:

  1. Ich unterstütze das Wirtschaftspaket des Schweizer Bundesrats, genauso wie die von ihm angeordneten Massnahmen zum Schutz des Gesundheitssystems.
  2. Ich bin und bleibe in meinen Ansichten ein liberal denkender Mensch, dem unnötige Vorschriften und Bürokratie zutiefst zuwider sind.
  3. Ich möchte auch möglichst schnell den Lockdown beenden.
Meine Firma hiess einmal «4C», was sowohl für Campaigning and Crisis Communication Consulting stand, als auch für das englische «foresee» (vorausschauen).

Aber trotzdem sehe ich momentan keine andere Möglichkeit, unsere Krankenhäuser und das Gesundheitssystem zu schützen, als den Lockdown so lange fortzusetzen, bis eine wissenschaftlich fundierte und geordnete Ausstiegsstrategie gefunden und umfassend vorbereitet wurde. Das kann noch dauern.

Deshalb hat der Bundesrat meine fast volle Unterstützung. Nur «fast», weil ich der Meinung bin, man hätte besser vorbereitet sein und die harten Massnahmen früher treffen sollen und können, und man könnte und müsste die Kommunikation besser machen.

Dass man nicht vorbereitet war, kann ich ganz und gar nicht verstehen, denn die WHO hat 15 Jahre lang vor einer solchen Pandemie gewarnt.

Genauso wenig Verständnis habe ich aber auch für das Gejammere der so genannten Wirtschaft, für zu viele von denen, die von der Krise überrascht wurden und nun wirtschaftliche Hilfe zulasten des Steuerzahlers brauchen.

Ich finde es unfassbar, dass teilweise die gleichen Leute, die jahrelang (zurecht) Steuersenkungen und immer weniger Staat verlangten (was ich voll und ganz unterstütze), nun in Windeseile beim Staat anklopfen und um Hilfe betteln (was ich unterstützen muss, weil es nicht anders geht, aber zutiefst im Innern ablehne).

Was haben die denn die letzten 15 Jahre getan? Warum haben die die Warnungen der WHO nicht wahr- oder ernstgenommen?

Wieso haben sie keine Reserven aufgebaut? Hätte nicht jeder, der sich Unternehmer schimpft, mit einem solchen Szenario konfrontiert, für mindestens 3 Monate Reserven aufbauen müssen, wenn sein Geschäft bei einem Lockdown sofort wegbricht?

(Ausnahmen, die wirklich nicht vorbereiten konnten und einfach Pech hatten, bestätigen die Regel.)

Und haben nicht sehr viele, die nun nicht Home-Office-fähig sind, es schlicht und einfach mutwillig und fahrlässig versäumt, im Unternehmen die Digitalisierung voranzutreiben, von der seit Jahren (fast nur) geredet wird? Und nun müssen die Steuerzahler für die Folgen dieser Fahrlässigkeit aufkommen…

Wo sind die unternehmerischen Vorräte an Schutzmasken und Desinfektionsmitteln, mit denen man die Mitarbeitenden im Notfall hätte ausstatten können?

(Um die Frage zu beantworten, die sich manche/r nun sicher stellt: ja, ich habe die Warnungen ernstgenommen und meine Firma war vorbereitet, bei uns läuft das business «as usual», ausser dass ich um einiges produktiver bin, weil Meetings endlich online durchgeführt werden und ich nicht mehr so viel hin und her reisen muss. Wir arbeiten seit über 11 Jahren mit Cloud-Lösungen, dezentral, mobil, mit Videokonferenzen und Collaboration Tools, hatten Desinfektionsmittel und Schutzmasken.)

Wer nicht so vorgesorgt hatte, braucht jetzt Hilfe, das ist klar und das unterstütze ich auch. Zähneknirschend…

Aber gleichzeitig ärgert es mich, dass der gleiche Staat, dessen Einmischung wir immer unisono kritisieren, nun für unternehmerische Versäumnisse einspringen muss.

Ein guter Liberalismus oder einfach nur gutes Unternehmertum hätte dieser «Einmischung des Staates in den Markt» – denn um nichts anderes handelt es sich hier – vorausschauend vorgebeugt. Dann hätte sich der Wert des unternehmerischen Denkens zeigen können, der Wert von «Verantwortung übernehmen», «voraussschauend denken» und von «Gemeinsinn».

Die Chance dieser Krise liegt nun darin, daraus für den Wiederaufbau die richtigen Lehren zu ziehen und eine resilientere Wirtschaft aufzubauen, wenn der Spuk vorbei ist.

Denn eins ist klar: Fortsetzung folgt («Klimawandel»)…

P.S. Nachtrag

Aufgrund von Feedback auf Facebook möchte ich folgendes noch ergänzen.

Es gibt Risiken, die kann man tatsächlich unmöglich noch managen. Vor allem, wenn sie dann noch zu unwahrscheinlich sind, muss man sie ignorieren.

Hier wende ich eine Priorisierungsmatrix an, die zwei Kriterien beinhaltet:
1. Wie leicht ist es, sich vorzubereiten?
2. Wie gross sind die Auswirkungen?
Als drittes Kriterium könnte man dann noch die Eintretenswahrscheinlichkeit nehmen.

Risiken mit einer grossen Auswirkung, auf die man sich leicht vorbereiten kann, sind die, auf die man sich vorbereiten sollte. Atomare Super-Gaus und Asteroideneinschläge gehören nicht dazu. Denn man kann sie nicht managen.

Aber Risiken mit einer praktisch 100igen Wahrscheinlichkeit müssen dazu gehören, wenn man sie managen kann.

Ein langer Blackout wäre nicht zu managen, gerade weil wir schon zu sehr vom Strom abhängig sind. Ein vorübergehender wäre zu managen, erfordert dann lediglich ein Notstromaggregat. Er kommt sicher, spätestens beim nächsten grossen Sonnensturm auf der erdzugewandten Sonnenseite. Die Frage ist einzig wann.

Gleiches gilt für eine Pandemie: dass sie kommen würde, war sicher, nur nicht wann. Hier aber waren die Massnahmen entweder einfach (Vorrat an Desinfektionsmitteln und Masken) oder – wenn auch nicht ganz so einfach – sowieso ein Gebot der Stunde (Digitalisierung).

Im Grund genommen geht es mir um die Kernaussage, dass wir als Unternehmer/innen im Hinblick auf die Zukunft unsere eigenen Versäumnisse thematisieren müssen, statt einfach nur sofort nach dem Staat zu schreien.

Denn die nächste Katastrophe – der Klimawandel – ist ja auch schon lange angekündigt.

Kapitalismus fürs Klima: Die Jugend hat recht

Peter A. Fischer hat am 27.12.2019 in der NZZ einen Kommentar zu obigem Thema veröffentlicht.

Zentrale Aussagen darin:

Der Klimawandel ist ernst zu nehmen. Aber die Entwicklung zeigt: Ein freiheitlicher Kapitalismus ist die Lösung, nicht das Problem. Es braucht Korrekturen bei den Anreizen, mehr Wettbewerb, Marktvertrauen und Zuversicht.

(…) Die Menge an CO2, die zur Produktion von kaufkraftbereinigten 1000 Dollar an Wirtschaftsleistung ausgestossen wird, hat sich in Europa in den letzten vierzig Jahren um etwa zwei Drittel verringert. In China ist sie derweil um ganze vier Fünftel auf das Niveau gesunken, das in Europa noch 1970 üblich war.(…) die Umweltzerstörung nimmt ab, sobald sich die Menschen den Fortschritt leisten können.

Es braucht den Wettstreit der Ideen

Das bereits Erreichte ist technologischer Innovation zu verdanken, die primär der freiheitliche Kapitalismus generiert hat. Er plant nicht zentral und kennt das Endresultat nicht von vorneherein. Wird schliesslich das Elektro- oder das Wasserstoffauto uns einen wichtigen Schritt in Richtung CO2-neutraler Mobilität bringen? Oder vielleicht etwas Drittes, derzeit noch nicht Bekanntes? Kein noch so wohlmeinender Diktator kennt den besten Weg sicher. Viel effizienter ist es, wenn der freie Wettbewerb der Ideen und Projekte dafür sorgt, dass sich das Beste durchsetzt. Vielleicht werden wir künftig kaum mehr Kohle verbrauchen, oder wir werden das dabei freigesetzte CO2 wieder neutralisieren. Damit das gelingt, braucht es aber Firmen und Investoren, die nach Gewinnen streben. Sie erst sorgen dafür, dass das Kapital in die erfolgversprechendsten Projekte fliesst.

Der freiheitliche Kapitalismus und das Wirtschaftswachstum sind somit der Schlüssel, um Umweltprobleme zu beheben. (…)

Der Internationale Währungsfonds hat ausgerechnet, dass eine globale CO2-Steuer von 75 Dollar pro Tonne ausreichen würde, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken. (…)

Wenn der Staat in Frankreich 56 Prozent der Wirtschaftsleistung für sich beansprucht und in Deutschland 46 (in der Schweiz ist es rund ein Drittel), dann bleibt dem innovativen Markt nur noch der knappe Rest. 

Mehr dazu hier (Kommentar in voller Länge).

Gerade zum letzten zitierten Absatz möchte ich noch etwas anfügen. Gemeint ist damit «der knappe Rest» an Kapital, der für das Entwickeln innovativer Lösungen für den Umweltschutz eingesetzt werden kann. Deshalb lehne ich auch eine Flugticketabgabe ab, die eine reine Lenkungsabgabe darstellen würde. Wenn alle Einnahmen an die Bevölkerung verteilt werden und die Lenkung tatsächlich dazu führen würde, dass weniger geflogen wird, dann bliebe den Airlines noch weniger, um innovative Lösungen zu finanzieren, die zu einer komplett CO2-neutralen Fliegerei führen können. Mindestens ein Teil (49%) der Flugticketabgabe sollten für die Finanzierung des Aufbaus einer Industrie dienen, die synthetisches Kerosin liefert, so dass wir im Jahr 2050 zu 100% CO2-neutral fliegen können. Siehe dazu auch der Vorschlag von Martin Bäumle, Prof. Anthony Patt und mir.

„Die smarte grüne Diktatur“

Ein aktueller Artikel aus dem Spektrum der Wissenschaft, der zu denken gibt:

„Ist die Techno-Autokratie die Zukunft des Klimaschutzes? Angesichts des Klimawandels werden Stimmen nach einem radikalen Durchgreifen lauter. (…) Noch hat der Bürger die Wahl, ob er sich freiwillig in ein solches Freiluftgefängnis begibt. Doch mit jedem Grad Erderwärmung scheint die brutale Entscheidung zwischen dem demokratischen Weltuntergang und der autokratischen Weltrettung unausweichlicher. Kippt das Klima, könnte auch die Demokratie kippen.

Das Ende der Freiheit klopft an die Tür… Der Spielraum für liberale Lösungen wird zunehmend enger. Packen wir sie an!

— Weiterlesen www.spektrum.de/kolumne/die-smarte-gruene-diktatur/1694202