Gibt es einen Zielkonflikt zwischen Gesundheit und Wirtschaft?

Die COVID-19 Task Force hat soeben ihre Einschätzung zu dieser Frage veröffentlicht. Weil sie nur als pdf online gestellt wurde, veröffentliche ich sie hier als Text:


Wir analysieren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie. Studien zeigen, dass mit einer vollständigen Erholung erst zu rechnen ist, wenn die Epidemie unter Kontrolle ist. Die getroffenen Massnahmen verursachen zwar erhebliche wirtschaftliche Kosten, aber die Wirtschaftsleistung wäre auch ohne sie stark beeinträchtigt. Staatliche Unterstützungsleistungen an Unternehmen und Bevölkerung sind wirksame Strategie, die Schäden zu begrenzen und einen Aufschwung zu ermöglichen.

Die Covid-19-Pandemie und die Massnahmen, die zu ihrer Eindämmung ergriffen wurden, haben erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen. Die Konjunkturforschungsstelle (KOF) schätzt den Rückgang des Schweizer BIP im zweiten Quartal 2020 auf 8,4% und prognostiziert für 2020 einen Rückgang um 4,9%, d.h. einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um rund 45 Milliarden Franken. Die direkten Gesundheitskosten (Pflege- und Krankheitskosten) sind dabei deutlich geringer als die makroökonomischen Effekte (Rückgang der Produktion und des Konsums, Arbeitslosigkeit usw.). Ein grosser Teil (rund die Hälfte im Fall der Schweiz) ist der internationalen Entwicklung geschuldet. Darin enthalten sind der Einbruch der Nachfrage nach Schweizer Gütern und Unterbrechungen der Lieferketten

Die staatlichen Massnahmen zur Kontrolle der Epidemie (Lockdown, Verbot von Grossanlässen, soziale Distanzierung, Maskenpflicht usw.) sind aus gesundheitspolitischer Sicht unerlässlich, zeitigen aber hohe wirtschaftliche Kosten. Diese genau abzuschätzen ist äusserst schwierig, weil sie mit einer hypothetischen Situation verglichen werden müssten, in der gar keine Massnahmen ergriffen worden wären. Auch ohne verordnete Massnahmen ändern Bevölkerung und Firmen ihr Verhalten teilweise stark, sie konsumieren und investieren weniger. So ist in Schweden, das auf einen Lockdown verzichtet hat, der Konsum um 25% eingebrochen, verglichen mit 29% in Dänemark.

Nach der ersten Welle ist das Ziel, auf drastische Massnahmen wie ein Lockdown zu verzichten. Dazu braucht es allerdings neben weicheren Massnahmen wie Masken und Abstandsregeln griffige Eindämmungsstrategien. «Testen, Rückverfolgung, Isolation und Quarantäne» (TRIQ) ist mit erheblichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteilen verbunden, da sie die Zahl der Infektionen wirksam und mit geringeren wirtschaftlichen Kosten reduziert als ein Lockdown.

Die verschiedenen Wirtschaftssektoren sind in hohem Masse voneinander abhängig. Eine Massnahme, die einen bestimmten Tätigkeitsbereich (z. B. Gastronomiebetriebe) betrifft, wirkt sich indirekt auch auf andere Sektoren (Zulieferer) aus. Die Bewilligung eines Grossanlasses kann dazu führen, dass zahlreiche Personen in Quarantäne geschickt werden müssen. In vielen Ländern plädieren daher die ÖkonomInnen, Massnahmen dort zu ergreifen, wo die Anzahl der Kontakte hoch und der Beitrag zur wirtschaftlichen Leistung relativ gering ist (im Freizeitbereich, zum Beispiel).

Eine rasche Wiedereröffnung verringert kurzfristig zwar die Auswirkungen auf die Wirtschaft, kann sich aber als kontraproduktiv herausstellen, wenn sie zu einer Zunahme der Fälle führt und die vollständige wirtschaftliche Erholung verzögert. Diese kann erst dann stattfinden, wenn das Vertrauen der Bevölkerung vollständig wiederhergestellt ist. Bis dahin sind staatliche Unterstützungsmassnahmen von Unternehmen und Bevölkerung dank den geringen Kreditkosten ein äusserst wirksam, um die negativen Auswirkungen der Krise zu mildern und Investitionen und Konsum zu stützen.


Diese Einschätzung wird auch von StopCovidCH geteilt, einer Gruppe, der ich angehöre, und die mit einer Petition eine konsequente Eindämmungsstrategie mit einem 12-Punkte-Programm fordert.

Zur Petition: https://act.campax.org/efforts/stopcovidch

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