Werber hat den Durchblick

Noch bevor wir heute die Medienmitteilung «Campaigning ist gut» veröffentlichten, ereilte mich schon ein Anruf aus dem Fernsehstudio in Leutschenbach, was ich zur Nutzung von Daten in Wahlkämpfen in der Schweiz zu sagen hätte.

Ich erklärte mich bereit, in 10 vor 10 zu zeigen, wie meine Agentur für meinen eigenen Gemeinderats-Wahlkampf Facebook genutzt hatte, um ganz bestimmten Zielgruppen Werbung zu zeigen, die nur für sie relevant war, für andere aber nicht, zum Beispiel Werbung, die sich ganz gezielt an AC/DC-Fans richtete. Das ist möglich, ohne auf verwerfliche Art an Daten heranzukommen, denn man kann dazu bei Facebook einstellen, dass dieses bestimmte Facebook-Inserat nur Leuten mit den ausgewählten Interessen – in diesem Fall Hardrock – gezeigt wird. Man erfährt weder, wer diese Leute sind, noch wie Facebook an die Informationen über deren Interessen herankommt. Damit ist der Schutz der Privatsphäre zumindest meiner Agentur gegenüber gewährleistet. 

Ich erklärte im Gespräch ebenfalls, wie wir online und öffentlich (!!) verfügbare Daten nutzen, um mittels Künstlicher Intelligenz die Online-Artikel und Kommentare grosser Mengen von Personen analysieren zu lassen, um damit genau zu erfahren, wie wir welches Segment der Öffentlichkeit am besten ansprechen. Ziel ist immer, auf deren Interesse oder Zustimmung zu stossen und sie zu mobilisieren.

Dabei verwenden wir aber nur Daten, die diese von sich aus öffentlich ins Internet gestellt haben und wir veröffentlichen die Analyse-Ergebnisse nicht. Man kann damit auch Persönlichkeitsprofile einzelner Personen erstellen, sofern diese genügend Text online und öffentlich publiziert haben.

Der Unterschied zu Cambridge Analytica ist der, dass letztere Daten gesammelt haben, die die betroffenen Personen als privat einstuften und sie dann trotzdem verwendeten, während wir nur öffentlich frei verfügbare Daten einsetzen.

Auch damit kann man sehr genaue Profile erstellen, ohne Daten zu kaufen oder auf verwerfliche Art und Weise besorgen zu müssen. So ist mein letzter Satz im Interview gemeint, in dem ich sage, wir würden solche Daten nicht kaufen.

Wenn jemand von sich aus freiwillig Daten zur Verfügung stellt, sollte sie/er sich dessen bewusst sein, dass diese zum Profiling verwendet werden können. Profiling mit dem Ziel, den Nutzern nur für sie relevante Inhalte zu zeigen ist an und für sich allein genommen auch noch nicht schlimm. Wo meiner Meinung nach eine Grenze überschritten wird, ist, wenn man zum Beispiele solche Profile online veröffentlichen würde oder gezielt Personen zuspielen würde, die diese dann zum Schaden der Nutzer verwenden würden.

Die Grenzen sind fliessend. Meiner Meinung nach braucht es deshalb nicht nur eine vertiefte und gründliche Debatte, sondern auch freiwillige Verpflichtungen seitens der Kommunikations-, Werbe- und Politikkampagnen-Branchen. Werden diese nicht proaktiv tätig, könnten sie gezwungen werden und vor allem – ein Grauen für jeden liberal denkenden Menschen wie mich – neue Regulierungen provozieren.

Hier geht es zum 10 vor 10 Bericht. Leider fängt dieser an mit den Worten «Dieser Werber hat den Durchblick». Das war wohl als Kompliment gedacht, aber als Campaigner bin ich nun wirklich kein Werber. Werbung ist eine Teildisziplin von Campaigning, aber bei weitem nicht alles.

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