Exkremente-Mangel macht der Welt zu schaffen – ein Beitrag zum relationalen Denken

Man darf sich ruhig wundern, was ein Artikel über Exkremente-Mangel mit Campaigning zu tun hat. Mehr als man denkt. Vorausgesetzt, man sieht Campaigning nicht als eine Unterdisziplin der Kommunikation oder politischer Kampagnenarbeit, sondern so wie ich die Methodik in den 80ern und 90ern erlernen durfte: als eine bestimmte Art zu denken.

Als ich 2005 einen Nachdiplomkurs Campaigning konzipierte – heute wäre das ein CAS Campaigning – definierten wir neben einer Menge Fähigkeiten, die ein Campaigner braucht, aber auch «einkaufen» kann,  fünf Kerndisziplinen, die jeder Campaigner unbedingt beherrschen muss:

  1. Strategische, operative und taktische Konzeption
  2. Die 14 Strategischen Campaigning Grundsätze
  3. Logik und Analytik
  4. Präzision im Texten und Formulieren
  5. Vernetztes Denken
Beim Vernetzten Denken handelt es sich einerseits mindestes um das, was man im Zusammenhang mit Systemtheorie lernt. Aber man kann auch noch darüber hinausgehen, indem man die Sicht auf die Welt Grundlagen verändert.

Wie geschrieben, Campaigning ist eine bestimmte Art zu denken. Denken wiederum hat eine Menge damit zu tun, wie wir die Welt sehen.

Das wurde mir deutlich vor Augen geführt, als ich vor einer Weile schon den Artikel unten beim Frühstück las – ein eindrucksvoller Artikel über die Art wie wir denken und die Welt sehen.

Den Blick auf die Welt zu ändern kann zu ganz neuen Lösungen führen, das wissen wir ja schon. In diesem Fall hier zu neuen, rein wirtschaftlichen Argumenten für den Artenschutz.

Der Artikel veranschaulicht die Bedeutung von dem, was ich seit einer Weile schon als «relationales Denken» bezeichne. Und das geht wie folgt.

Normalerweise sehen immer die Objekte im Zentrum unserer Aufmerksamkeit, also in diesem Artikel, bei dem es um Artenschutz geht, die einzelnen Tiere.

Wir machen uns Gedanken über den Schutz von Arten, aber wir sehen nur selten, und wenn überhaupt als Nebensache, die Zusammenhänge, die unsichtbaren Fäden, mit denen diese Tiere und der Rest der Welt verbunden sind. Durch Lakota-Indianer in South Dakota wurde ich schon vor langer Zeit angeregt, mehr an diese Beziehungen zu denken als an die einzelnen Individuen. Was bei den Christen das Amen in der Kirche ist, heisst bei ihnen «alle meine Beziehungen» – und damit meinen sie nicht (nur)  Beziehungen zwischen Mann und Frau.

Es hat aber 29 Jahre gedauert, bis es Klick machte; so sehr sind wir durch unsere Erziehung geprägt, die Welt nicht so zu sehen wie sie wirklich ist.

Würden wir statt einzelner, voneinander getrennter Objekte mindestens auch die Verbindungen zwischen ihnen sehen («Beziehungen»), die Wirkungsmechanismen und die Zusammenhänge, dann würden wir nicht nur die Welt besser verstehen, sondern auch die Wirkungsmechanismen von Kampagnen und Veränderungsprozessen im Gesamtzusammenhang erkennen, und wir würden bessere Strategien entwickeln, die uns besser helfen können, unsere Ziele zu erreichen. Vor allem, wenn wir wieder vor einer scheinbaren Mission Impossible stehen.

In diesem Sinne kann der folgende Artikel als Inspiration dienen.

Exkremente-Mangel macht der Welt zu schaffen
http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/8516225/Exkremente-Mangel-macht-der-Welt-zu-schaffen/
(via Instapaper)


Credit: Renate G.E. Hellmiss

Seit dem Ende der Eiszeit ging es bergab mit den Giganten sowie den großen Tierpopulationen: Mammut und Co verschwanden ganz, später dezimierte der Mensch dann die Wal-Bestände und schließlich auch die Fisch- und Vogelpopulationen. Ein internationales Forscherteam belegt nun, dass sich dieser Schwund drastisch auf den Nährstoffkreislauf und die Fruchtbarkeit der Erde auswirkt. Der Schlüsselfaktor dabei: Die weiträumige Düngerverteilung durch die Hinterlassenschaften der Tiere ist eingebrochen, sagen die Wissenschaftler.

Ein 200 Tonnen schwerer Blauwal frisst sich in den Tiefen der Ozeane den Bauch voll – seine gigantischen „Geschäftchen“ macht er allerdings nahe der Oberfläche. Dieses Beispiel verdeutlicht eindrucksvoll den Effekt der Umverteilung von Nährstoffen durch Tiere. Doch wie groß ist die Bedeutung dieses Faktors tatsächlich? Dieser Frage sind die Forscher um Christopher Doughty von der University of Oxford gezielt nachgegangen. „Bisher wurde größeren Tieren keine große Rolle im globalen Nährstoffkreislauf zugesprochen“, sagt Doughty. Mikrobielle und geologische Freisetzungsprozesse galten als ausschlaggebend. Die Forscher konnten nun allerdings belegen, dass die Tierpopulationen wie eine gigantische Verteilerpumpe wirken: Sie transportieren ihre nährstoffreichen Fäkalien in einem erheblichen Maße zu teils entlegenen Orten, die sonst weniger produktiv wären – im Meer wie auch auf den Kontinenten.

Es hapert an der Düngerverteilung

Die Schlussfolgerungen basieren auf Auswertungen von Daten über heutige Tierpopulationen, deren Ausscheidungsmengen sowie über die Größen einstiger Tierbestände. Mit diesen Informationen entwickelten die Wissenschaftler mathematische Modelle, die den Effekt der Exkremente-Verteilung simulieren. Das Schlüsselelement in den Geschäftchen ist den Forschern zufolge Phosphor – ein zentraler Mangelnährstoff beim Pflanzenwachstum. Unterm Strich kamen sie zu dem Ergebnis: Die Leistung der tiergetriebenen Nährstoff-Pumpen im Meer und auf dem Land ist im Vergleich zu früheren Zeiten auf sechs Prozent gesunken.

An konkreten Beispielen wird dies deutlich: Vor der industriellen Jagd auf Wale und andere Meeressäuger, beförderten die Tiere jährlich ungefähr 375 Millionen Kilogramm Phosphor aus den Tiefen in die Oberflächengewässer. Nun sind es nur noch etwa 83 Millionen Kilogramm, entsprechend geringer ist die Düngewirkung auf die Grundlage der Nahrungskette in den Ozeanen – die Algen. Ähnliche Effekte sind bei den schwindenden Vogel- und Fischpopulationen zu verzeichnen, von denen einige in erheblichem Maße Nährstoffe aus dem Meer aufs Land tragen: Beispielsweise die Lachse, die im Meer leben aber zum Laichen weit in die Flusssysteme hinauf schwimmen, wo sie schließlich sterben und ihre Biomasse hinterlassen. Einst beförderten diese Tierarten etwa 150 Millionen Kilogramm Phosphor, ergaben die Berechnungen. Die heutigen durch Lebensraumzerstörung und Überfischung dezimierten Restbestände erreichen nur noch etwa vier Prozent dieser früheren Transportleistung.

Wiederherstellung der Tierbestände könnte helfen

Auf die Landmassen bezogen, ist die Verteilungsleistung den Ergebnissen zufolge auf acht Prozent ihrer Kapazität zurückgegangen, die sie noch zu Zeiten der sogenannten Megafauna am Ende der Eiszeit besaß. 150 Tierarten wie das Mammut, das Riesenfaultier oder das Wollnashorn verschwanden und mit ihnen ihr Kot, durch den sie Nährstoffe von A nach B verlagerten. Auch beim Aussterben der Megafauna hatte wohl schon der Mensch die Hand im Spiel. Später mussten dann beispielsweise auch die gewaltigen Bisonherden Nordamerikas dran glauben.

Unterm Strich scheint die Welt nun ausgesprochen schlecht gedüngt zu werden, vor allem was den Phosphor betrifft. „Die leicht zugängliche Phosphatversorgung könnte in weniger als 50 Jahren auslaufen“, sagt Doughty. „Das Wiederherstellen von Tierpopulationen könnte nun dazu beitragen, wieder mehr Phosphor vom Meer aufs Land zu bringen, um die schwindenden globalen Vorräte aufzustocken“, so der Forscher. Auch die Walbestände in den Ozeanen wieder aufzubauen, könnte sich beispielsweise lohnen, sagen die Forscher: Letztlich könnte dies die Fähigkeit der Meere steigern, das Treibhausgas Kohlendioxid aufzunehmen.

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