Strategischer Campaigning Grundsatz Nr. 5 (SCG 5): Zum Glück Pech gehabt

In einem Artikel im Clack-Magazin stand folgendes zu lesen:

Denk positiv, zähl die Sonnenstunden nur, glaub an den Erfolg: So lautet das Mantra der Moderne. Was aber, wenn der Weg zum Glück übers Scheitern führt?

…  In den meisten Büchern lernt der Glücksucher, positiv zu denken. Nie ist das Glas halb leer… So sehr haben wir das «Denk-Positiv-Mantra» verinnerlicht, dass die wohl beliebteste Schwäche, die bei Vorstellungsgesprächen brav rapportiert wird, lautet: Ich habe eine Tendenz zur Perfektion. Mit Verlaub, das ist keine Schwäche, das ist Schwachsinn. Und beweist vorab eins: Die Zeit ist reif für eine «Anleitung zum Pessimistischsein».

…  Zum Glück geht ein neues Buch genau diesen Fragen nach: «The Antidote» heisst es, «das Gegengift». Der Untertitel verspricht «Glück für Menschen, die das positive Denken hassen». Der Autor und Journalist Oliver Burkeman ist ein wahrer Schwarzmaler. Einer mit Galgenhumor. Er konfrontiert die Leser nämlich permanent mit Menschen, die das Scheitern umarmen. Und trotzdem was zu Lachen haben. Mit Psychologen und Terrorexperten zum Beispiel, mit Business-Coaches und Buddhisten, die genau auf das fokussieren, was die moderne Gesellschaft so dringend zu vermeiden sucht: Misserfolg, Unsicherheit, Verlieren. Und sie alle kommen zum Schluss: Auf die Nase fallen, ist keine Schande, sondern eine vielversprechende Strategie.

Dabei ist der Autor Pessimist genug zu wissen, dass ihm das ohne wissenschaftliche Untermauerung niemand abkauft: So zitiert er unter anderem die Studienergebnisse der Deutschen Psychologin Gabriele Oettingen, die in einer Serie von Experimenten herausgefunden hat, dass das positive Visualisieren von Erfolgssituationen die meisten Menschen nicht zu Höchstleistungen antreibt, sondern im Gegenteil demotiviert. …

In seiner äusserst aufschlussreichen Abhandlung erinnert Burkeman deshalb an ein Weltbild, welches seinen Fokus nicht auf den Erfolg, sondern auf den Misserfolg gerichtet hat: Das der Stoiker. Das stoische Gedankengebäude, das den meisten Menschen heute nur noch im Adjektiv «stoisch» begegnet, hat ein paar Jahre nach dem Tod von Aristoteles den westlichen Glücksbegriff für fast fünf Jahrhunderte geprägt: Es geht davon aus, dass es nicht das Glück, sondern die Gleichgültigkeit als idealer Gemütszustand zu erreichen gilt. Gemeint ist keineswegs Gleichgültikeit in Form von Kälte gegenüber Mitmenschen, sondern einen neutrale Haltung gegenüber dem Schicksal. Denn Glück ist genau wie Unglück eine Frage der Interpretation. Oder anders gesagt: Wer das Worstcase-Szenario ausmalt und tatsächlich auf die Nase fällt, wird feststellen, das alles gar nicht so schlimm war wie gedacht. Wer sich gedanklich schon auf dem Podest stehen sieht und als fünfter ins Ziel fährt, ist bitter enttäuchst. Das imaginierte Glück ist flüchtig, das imaginierte Pech aber führt zu einer grösseren Frustrationstoleranz. Kein Kind lernt laufen, weil es sich vorstellt, bereits rennen zu können. Es lernt laufen, weil es hinfällt und wieder aufsteht.

Scheitern Sie mal!

Was für ein Pech also, dass Scheitern in unserer Gesellschaft so negativ konnotiert ist. Wer sich ständig bloss das vornimmt, was er sicher erreichen kann, kann sich selbst nicht übertreffen, argumentiert Burkeman. … Anstrengung bringt einen sehr wahrscheinlich nicht immer zum gewünschten Ziel, aber sicher immer weiter. Ein pessimistischer Gedanke vielleicht, weil er das Scheitern vorwegnimmt, aber einer mit wahrem Glückspotential.

Beim Strategischen Campaigning Grundsatz Nr. 5 geht es um Flexibilität im Denken. Wer im Pech sein Glück sehen kann, kommt sicher weiter.

 

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