Von wegen Zielgruppenorientierung…

Ich sitze gerade im Zug nach Bern, unterwegs zu einem Kunden, der seine Zielgruppenorientierung verbessern möchte. Grund genug, mir ein paar grundsätzliche Gedanken zum Thema zu machen.
Wir alle glauben, zielgruppenorientiert zu kommunizieren. Sonst wären wir einfach still. Und wer würde schon zugeben, dass er das gar nicht kann?
Dabei sind wir uns aber noch weniger bewusst, dass die Fähigkeit, sich in eine Zielgruppe hineinzuversetzen, zwar eine notwendige, aber nicht eine hinreichende Voraussetzung für Zielgruppenorientierung darstellt.
Wer zielgruppenorientiert kommunizieren möchte, sollte sich auch der verschiedenen Arten von Zielgruppenorientierung bewusst sein. Es genügt nicht, nur eine einzige Definition zu haben. Der Begriff ist zu komplex. Vielleicht liegt es ja daran, dass echte Zielgruppenorientierung nicht wirklich ein weit verbreitetes Phänomen ist.
Variante 1: Das Prinzip des erfolglosen Künstlers
Viele Künstler machen einfach ihr Ding, in der Annahme, dass es genug Menschen gibt, denen es gefallen wird. Darüber, wie dieses Ding so kommuniziert werden kann, dass die richtigen Menschen es richtig verstehen, machen sie sich keine Gedanken. Die Gründe dafür sind vielfältig. Erfolg hat man mit diesem Prinzip eher zufällig. Diese Variante empfiehlt sich dann, wenn man sein Ding machen möchte, auf Erfolg aber nicht angewiesen ist.
Variante 2: Das AC/DC Prinzip
AC/DC machen seit 40 Jahren ebenfalls ihr Ding und lassen sich dabei von niemandem reinreden. Dabei gehen auch sie davon aus, dass es da draussen genug Menschen gibt, denen ihre Musik und ihre Shows gefallen. Es werden keine Kompromisse gemacht. Allerdings hat die Band sich von Anfang an darüber Gedanken gemacht, wie sie „ihr Ding“ so kommunizieren können, dass die richtigen Menschen sich davon richtig angesprochen fühlen. Nach einer gewissen Zeit haben sie darin einen Grad von Perfektion erreicht, der kaum zu übertreffen ist. Diese Variante ist besonders empfehlenswert für Künstler und für Unternehmen, die gegründet wurden, weil sich jemand einen Traum erfüllen möchte.
Variante 3: Das Fähnchen im Wind
Bei dieser Variante will man einfach irgendetwas verkaufen, egal was. Nicht die Leidenschaft für eine bestimmte Sache ist hier die treibende Kraft, sondern einfach nur der Wunsch nach wirtschaftlichem Erfolg. Bei dieser Variante empfiehlt es sich, noch vor der Produktgestaltung Zielgruppen zu befragen, was sie gerne möchten und wie sie es gerne möchten. Produktgestaltung und Kommunikation werden vollständig dem angepasst, was der Markt wünscht. Problem: hätte Henry Ford seine Kunden so befragt, hätte er schnellere Kutschen gebaut anstatt Autos. Dennoch hat auch diese Variante ihre Berechtigung. Nicht nur das Ende von Mainstream-Hollywood-Filmen wird nach den Wünschen der Zielgruppen gestaltet, sondern auch viele Angebote grosser Unternehmen.
Ich persönlich bevorzuge Variante 2 und versuche auch immer, herauszufinden, welche Leidenschaften meine Kunden bei der Arbeit anspornen. Sogar bei den Target Community Labs™ wird das berücksichtigt.

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